KJELLSCHWUL!

Was soll ich sagen?

ES IST LIEBE!!!

 

 

Für alle, die vom Privatleben anderer nicht genug kriegen können:

Die Liebesgeschichte meines Lebens

Es war einmal im Labyrinth...

Der legendärste, schwule Underground-Club von Zürich. Gerade erst an der Pfingstweidstrasse neu aufgegangen. Jeder wollte rein. Aber nur wer richtig schwul aussah, schaffte es am Türsteher vorbei. Thomas hiess der Türsteher. Eine imposante Erscheinung mit Glatze und langem schwarzen Mantel. Einmal wollte eine Redaktionstussi von einem Zürcher Ausgeh-Magazin ins Laby. Thomas liess sie eiskalt abblitzen. Im nächsten Magazin wurde er daraufhin gleichzeitig zum schlechtesten, zweitschlechtesten und drittschlechtesten Türsteher von Zürich gewählt. Das war die beste Werbung, die der Club kriegen konnte.

Ich war einer von denen, die rein durften. Und mein Heterofreund Thommy auch. Das Laby war wie eine andere Welt. Drinnen war alles möglich. Und irgendwann Anno 1998 im Laby kam mein Freund Thommy zu mir und sagte: "Kennst du den Typ, der da auf der Bühne tanzt?" Der Typ sah aus wie ein Halbgott. Hohe Stiefel, String und Gaultier-Silberkette. Unerreichbar weit weg. "Doch, trau dich!" sagte Thommy, "der ist total nett und überhaupt nicht arrogant." Ich sprach den Halbgott schüchtern an und wir setzten uns zusammen auf eines der alten Sofas im ersten Stock. Und genau da krachte eine Latte aus dem alten Sofagestell und wir beide lagen halb nackt und mit grossem Herzklopfen übereinander. Ein Wink des Himmels.

Noch am selben Abend wusste ich zwei Dinge. Andrin war der unantastbare Freund des berüchtigten Türstehers, und ich war total in Andrin verknallt. Autsch!

Mit dem Heiligtum des Türstehers rummachen ging natürlich nicht. Und deshalb versuchte ich, die Beziehung der beiden zu akzeptieren und Andrin zu vergessen.

...und dann im Aera...

Damals gab es in Zürich zwei gute Gayclubs. Das Laby und das Aera. Also war es nur eine Frage der Zeit, bis Andrin und ich uns im Aera wieder über den Weg liefen. Das Feuer war sofort wieder entfacht und wir fielen übereinander her wie... naja, dafür hatte ich noch keine Beispiele gesehen. Auf jeden Fall stand da im Aera mitten drin ein grosses rundes Bett, wie geschaffen für zwei verliebte Jungs...

So zwischen 4 und 5 wechselten damals alle vom Aera ins Laby. Und wir beide, im jugendlichen Leichtsinn dachten tatsächlich nicht im Traum daran, dass unsere spermatriefende Showeinlage vor 500 Aera-Partygästen nicht bis ins Laby durchgedrungen war. Tatsache: Thomas wusste alles.

Als ich ins Laby kam, nahm er mich zur Seite. Ich rechnete mit einer keifenden Eifersuchtszene. Doch was er sagte, beeindruckte mich zutiefst: "Liebst du ihn wirklich? — Wenn du ihn nur benutzt und dann fallen lässt wie eine heisse Kartoffel, dann hast du ein Problem mit mir."

Ich versuchte die Beziehung von Andrin und Thomas zu akzeptieren und ging auf Distanz.

...Studio 54...

Der Film über die legendäre New Yorker Disco lief im Kino Movie. Andrin und ich wollten gemeinsam hingehen. Nur Kino. Ganz brav. Wir sassen den ganzen Film nebeneinander ohne uns zu berühren, doch wir standen beide unter Hochspannung. Als wir das Kino zusammen verliessen, explodierte unter den Lauben am Limmatquai unsere Liebe wie eine Bombe. Ich konnte die Emotionen nicht mehr halten, die Tränen rannen wie Sturzbäche über mein Gesicht. Ich stürzte mich auf Andrin, er sich auf mich, und wir umarmten und küssten uns, wie wenn es kein Morgen mehr geben würde.

Wir waren für einander bestimmt, und doch hatten wir uns beide fest vorgenommen, den Status quo nicht anzurühren. Die Liebe war da, aber sie durfte nicht sein.

...Die verrückteste Woche meines Lebens...

Anfang 1999 hatte uns der Alltag wieder eingeholt. Ich war im letzen Semester meines Architekturstudiums in Zürich. Andrin stand kurz vor dem Abschluss der HSG. Ich hatte einige gute Freunde, aber keine Beziehung von Dauer.. Samy*, mein süsser Berner, wanderte nach Hollywood aus, um Schauspieler zu werden. Marcello* aus Ascona war toll aber und für eine feste Beziehung zu weit weg. Mit Calvin* sah es zeitweise nach mehr aus, er war total verliebt in mich, aber ich konnte mich nicht richtig verlieben. Wir einigten uns darauf, trotzdem Freunde zu bleiben und gelegentlich etwas miteinander zu unternehmen. Lukas* hatte inzwischen einen neuen Freund. Dann traf ich Alessandro*, der aussah wie eine Statue von Michelangelo. Ich war sofort verknallt.

Alessandro lebte im Tessin und kam eigentlich nur für Partys nach Zürich. Er hatte kein Zimmer und so nahm ich ihn am Sonntag nach dem Laby mit in meine Studenten-WG. Dort verbrachten wir die nächsten Tage fast ausschliesslich im Bett. Dann ging die Beziehung von meinem Freund Lukas in die Brüche und ich nahm ihn zeitweise bei mir auf, um ihn zu trösten.

Das nächste Wochenende hatte ich schon mit Calvin abgemacht, auf die Rigi zum Schlitteln. Wir wollten uns am Bahnhof treffen.

Am Abend zuvor war ich zusammen mit Alessandro, als sein Handy läutete. Er ging raus zum telefonieren und kam mit traurigem Blick zurück. Seine Grossmutter wäre gestorben und er müsse dringend nächsten Samstag nach Milano zur Beerdigung. Der Zug nach Milano ging am Samstagmorgen kurz nach dem Richtung Arth-Goldau und Rigi.

So kam ich denn mit Schlitten und Alessandro am Bahnhof an, um Calvin zu treffen. Doch als Calvin mich in Begleitung des schönen Tessiners sah, schlug sein offenbar unverdauter Beziehungsstatus in blanke Eifersucht um. Beim ersten Halt in Zug stand er auf und rannte aus dem Abteil. Ich dachte, er hätte nur den Wagen gewechselt und wollte nicht gleich hinterher rennen. 15 Minuten später stand ich allein auf dem Bahnsteig in Arth-Goldau und realisierte, dass er mich versetzt hatte.

Die Schlittenfahrt war gegessen. Ich nahm den nächsten Zug zurück nach Zürich. Calvin nahm kein Telefon ab. Ich verbrachte den Rest des Weekends mit vielen Tequilas und Heavy-Metal und nervte meine WG-Kumpels.

Zwei Tage später klingelte das Telefon und dran war Andrin. Schluchzend erzählte er mir, dass er mit Thomas Schluss gemacht hätte, weil ihn dieser mit einem jungen Tessiner betrog, während er für die Abschlussprüfungen lernen musste. Der Tessiner hiess Alessandro... Und seine Grossmutter war weder tot und aus Milano sondern schwul und der berüchtigste Türsteher Zürichs.

In den folgenden Tagen stürzte für viele die Welt zusammen. Nur ich "erbte" endlich den, den ich mir immer erträumt hatte. Meine grosse Liebe: Andrin.

*(Weil diese Story doch sehr privat ist, habe ich alle Namen, ausser die der sowieso bekannten Prominenz geändert.)

...Epilog

Viele behaupten, dass man in einem Underground-Club voller Sex und D** keinen Freund fürs Leben finden kann. Andrin und ich sind nun seit 15 Jahren ein Paar und ich glaube fest daran, dass unsere Liebe noch viele Jahre überdauern wird. Vielleicht sind gerade solche, von der Gesellschaft geächtete Orte ideal, um Menschen hinter ihrer Fassade wirklich kennen zu lernen. Auf Online-Dating-Plattformen lassen sich messbare Daten vergleichen. An Cocktailpartys vergleicht man politische Einstellung und Konversationstalent. Aber erst an Partys, wo es von der Decke tropft und alle (halb) nackt tanzen, merkst du, ob du jemanden wirklich riechen kannst. Ich liebe es wie mein Schätzli stinkt! Und da kommt mir kein Parfüm drauf!

Man fragt uns immer, ob wir denn eine offene Beziehung hätten? Ich mag die Bezeichnung nicht. Wir besitzen einander nicht. Unsere Beziehung basiert nicht auf Vorschriften, Verboten und Überwachung sondern darauf, dass man für einander da ist und merkt, wenn der Partner einen braucht. Eine Beziehung darauf zu definieren, wer wem wann an den Pimmel fasst, finde ich kindisch.

Vermutlich liest kein Schwulenhasser diese Story bis zum Schluss. Erklärungen und Rechtfertigungen für schwule Liebe wären hier überflüssig. Es ist Liebe. Punkt.

MisterGay, Zürigay und GaYmeBoys

Mitte der 90er lernte ich die Zürcher Gayszene kennen. Nicht den verklemmten Tuntenclub im Niederdorf sondern gleich die richtig "böse" Untergrund-Szene. Ab so viel Offenheit und Unspiessigkeit war ich hell begeistert. Ich wollte meine Entdeckung nicht für mich behalten, sondern die Welt dran teilhaben lassen. Im Nachhinein betrachtet ziemlich naiv, denn es gibt Dinge, die die meisten Menschen in ihrem beschränkten und von Neid und Hass zugemauerten Geist offenbar nicht verstehen können.

Im Zürcher Party-Underground (damals galten in der Zwinglistadt noch rigurose Polizeistunden und Tanzverbote) waren wir Gays die Helden und die Heteros standen stundenlang Schlange, um an unseren Partys dabeisein zu dürfen. In der Welt der biederen Nicht-Party-People war Homophobie jedoch noch allgegenwärtig. 1999 wollte ich etwas dagegen tun und als Mistergay 2000 ein Jahr lang mit offener art und sympathischer Ausstrahlung für uns die Herzen der Welt erobern. Doch die Wahl gewann dann doch ein anderer, der sich den Preis schnappte und nie mehr gesehen ward. Doch diese Story ist wirklich Schnee von gestern.

Ich hatte noch immer das Gefühl, die Welt verbessern oder wenigstens etwas für uns Gays tun zu wollen. Als junger selbsständiger Webdesigner braucht man Referenzen und so begann ich meine Karriere mit einem schwulen Online-Magazin namens ZÜRIGAY. Die Seite kam bei den Gays gut an und hatte schnell viele Besucher. Ich berichtete von schwulen Events, führte eine Partyagenda und programmierte viele witzige Dinge wie eine Chatwelt, die man mit einem schwulen Avatar entdecken und mit anderen Gays interagieren konnte.

ZÜRIGAY war nie als kommerzielles Projekt geplant und als glücklich verliebter Mann mit festem Partner verschlief ich auch das Hauptbedürfnis meiner Zielgruppe: Online-Dating für schnellen anonymen Sex, das schwule Big Business der heutigen Zeit.

2006 begannen die Razzias in Zürichs Gayclubs. 2007 wurden Darkrooms verboten, die Partyclubs von Sex, Drogen und Erotik gesäubert. Die Szene löste sich auf. Wer Geld hatte, buchte Städtereisen, die andern verkümmerten hinterm Fernseher. Schwule Tanzpartys in Zürich wurden so spiessig und langweilig wie Heteropartys. Jede Menge sexueller Andeutungen auf dem Flyer aber im Club dann nichts als Mainstream-Musik, Komasaufen und Kindermädchen-Security.

Ein eigenes Gay-Magazin für eine Stadt ohne nennenswerte Gayszene war überflüssig. Aus ZÜRIGAY wurde gaYmeBoys.com - eine internationale Online-Community.

Die schwule Zukunft

Wir Schweizer jammern auf hohem Niveau. In über 70 Ländern der Welt werden Homosexuelle verfolgt, in 5 Staaten werden unsereins getötet, nur weil wir uns lieben. Putin & Co haben erkannt, dass sich Schwule gut als Feindbild eignen, um von den eigenen krummen Machenschaften abzulenken. Ich unterstütze QueerAmnesty, kaufe keinen russischen Vodka mehr, fliege mit keiner arabischen Airline und werde vermutlich niemals den Burj Khalifa aus der Nähe sehen.

Wir müssen die Regierungen unserer Länder dazu bringen, Schwulenhass auch auf internationaler Ebene laut zu verurteilen und verfolgte Schwule als Flüchtlinge aufzunehmen.

Doch bei allen Bemühungen um Akzeptanz sollten wir unsere eigene Identität nicht völlig aufgeben. In Zürich waren wir vor 10 Jahren in Punkto Freiheit schon viel weiter als heute. Auch wenn wir im Erbrecht noch benachteiligt waren, konnten wir zumindest in unseren Clubs unser Leben führen, wie wir es wollten. Es gab Experimente und Vielfalt. Heute werden wir überwacht und bevormundet, und während die etablierte Kultur (das sind Anlässe bei denen die Zuschauer sitzen und Krawatte tragen) zur Qualitätssicherung in Subventionen schwimmen, zwingt man unserer Kultur immer neue Vorschriften auf, die sich nur erfüllen lassen, wenn jegliche Qualität und Kreativität dem Kommerz geopfert wird. Zuerst zwingt man uns den Kommerz auf und dann wettert man gegen die jugendliche Kommerzkultur.

Ich bin schon zu alt, um für Freiräume auf die Strasse zu gehen und Steine gegen die Polizei zu werfen. Aber ich werde, solange ich es mir leisten kann, mit meinen Online-Medien gaYmeBoys.com und gayAGENDA.ch diejenigen unterstützen, die unsere schwulen Ideale hochhalten.